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Weiß, männlich, Held: Kulturelle Diversität in der Literatur und im Film von Mira Alexander, http://www.miraalexander.de

Weiß, männlich, Held: Kulturelle Diversität in der Literatur und im Film

Inhaltsübersicht
  1. Müssen alle Helden im Film und der Literatur immer weiß-männlich-stark sein?
  2. Warum tun Sie sich mit der Beschreibung der Äußerlichkeiten keinen Gefallen?
  3. Wie beschreiben Sie Ihre Figuren, wenn Sie auf die Äußerlichkeiten verzichten sollen?
  4. Wann sind Äußerlichkeiten für den Verlauf der Geschichte wichtig?
  5. Was gewinnen Sie, wenn Sie auf die unnötigen Äußerlichkeiten verzichten?
  6. Update

Nur damit Sie es wissen: Wenn Ihr nächstes Buch floppt, sind Sie selbst Schuld daran. Sie hätten eben einen weißen, starken, männlichen Helden zu Ihrem Protagonisten machen sollen. Und Ihr Antiheld/Schurke hätte eben ein hässlicher Mann, sagen wir aus dem Osten oder dem arabischen Raum, sein sollen. Oder zumindest eine heiße Blondine mit 90-60-90 mit Beinen bis zum Himmel.

Basta. Artikel zu Ende. Shit storm on.

Sie lesen noch? Wow, Sie sind gut. Vielen Dank für Ihr Interesse.

Vor einigen Tagen habe ich bereits über die Online-Kurse von FutureLearn.com berichtet, unter anderem empfahl ich Digital Storytelling. Der Kurs hörte sich zu gut an, als das ich widerstehen könnte.

Müssen alle Helden im Film und der Literatur immer weiß-männlich-stark sein?

Und so schmökerte ich mich also durch die Lektionen durch, als mir auffiel, wie oft dabei die (westlich geprägte) Rollenverteilung im Film zur Sprache kommt: Der Held ist männlich, stark und weiß, der Schurke/Antiheld ist weiblich oder männlich und häufig vom Typ her nicht gerade ein Mitteleuropäer.

Zunächst dachte ich nicht weiter darüber nach, bestätigte das doch auch mein eigenes Empfinden der (vorwiegend) Hollywood-Blockbuster. Bis mein Gehirn (aka das nervige Alien Freddy) plötzlich Parallelen zwischen der Filmindustrie und der Literatur zog.

Vielleicht haben Sie die Diskussionen über die Besetzung der Hermine für das Theaterstück „Harry Potter And The Cursed Child“ (in Englisch) mitbekommen? Oder über ein elfjähriges afro-amerikanisches Mädchen, das nach Kinderbüchern suchte, deren Protagonisten „keine weiße Jungs und Hunde“ waren (in Englisch)?

Warum tun Sie sich mit der Beschreibung der Äußerlichkeiten keinen Gefallen?

Ich war seltsam berührt durch diese Diskussionen. Bis dahin war es mir gar nicht bewusst, wie wenig ich auf das Aussehen der Figuren in den Büchern gab. Schlimmer noch, wenn ich die Beschreibung des Äußeren der Figuren überhaupt bemerkte, dann meistens weil sie mich störte! Ich ignorierte schlichtweg diesbezügliche, oft genug mehr als plumpe, Regieanweisungen seitens der Autoren. Gute Bücher verzichten eh weit gehend darauf. Und schlechte Bücher lese ich nicht mehr weit genug, um meine Nerven zu schonen.

Mir fiel auf, dass ich in meinem aktuellen Roman (meines Wissens) nur bei fünf Personen irgendeine Angabe über deren Aussehen mache.

Bei drei davon beschränkt sich diese Angabe auf die Haarfarbe, wobei dies direkt oder indirekt etwas mit der folgenden Handlung zu tun hatte. Darüber hinaus mache ich keinerlei Angaben zur Ethnie. Warum? Weil es mich weder interessiert noch hat es irgendeine Bedeutung für meinen Roman. So schnell, wie die Haarfarbe heutzutage gewechselt werden kann, sagt die Angabe „ihr blondes Haar“ oder „sein schwarzes Krausehaar“ rein gar nichts darüber aus, wie der Rest der Figur aussieht.

Was sind die übrigen zwei Angaben, die über die bloße Haarfarbe hinausgehen?

Einmal bemerkt die POV-Figur die strahlend blauen Augen einer anderen Figur. Warum ist das so wichtig? Weil diese Beobachtung nun einmal in einem krassen Gegensatz sowohl zu dem übrigen Erscheinen der Figur als auch zu dem Verhalten der POV-Figur selbst steht. Es entsteht also ein Bruch, der hoffentlich für eine Überraschung beim Leser sorgt.

Was erfährt der Leser an dieser Stelle über diese Figur sonst? Nichts. Anhand der Beschreibung ihres (momentanen) Erscheinungsbildes kann der Leser zwar Rückschlüsse auf ihren (momentanen) emotionalen Zustand ziehen, jedoch nicht auf ihre Ethnie oder sonstiges Aussehen. Selbst die Angabe „strahlend blaue Augen“ sagt noch lange nichts aus. Erstens gibt es mittlerweile farbige Kontaktlinsen und zweitens wissen wir spätestens seit dem berühmten Foto aus National Geographic (in Englisch), dass selbst im Afghanistan grün-blau-gelb-äugige Menschen leben.

Der letzte Fall ist ein wenig anders. Hier erlaube ich sogar gewisse Rückschlüsse auf den ethnischen Hintergrund der Figur. Ist das nötig für den Verlauf des Romans? Nicht unbedingt. Warum tat ich es dennoch? Weil ich, als ich das erste Mal von dieser Tatsache (eine Abweichung im Aussehen, die nicht zum Rest der Ethnie passt) hörte, wirklich fasziniert war. Und ist es nicht unser ganz persönliches Recht als Autoren in unseren Romanen die Welten zu erschaffen, wie sie uns gefallen? Zumal wenn sie den Lesefluss in keiner Weise stören? Ich glaube, Sie werden mir hier zustimmen: Ja, das ist unser ureigenes Recht!

Wie beschreiben Sie Ihre Figuren, wenn Sie auf die Äußerlichkeiten verzichten sollen?

Ich höre Ihren Einwand: Was stört es, wenn ich eben schreibe, dass „eine heiße Blondine mit den Beinen bis zum Himmel und der Oberweite einer Pamela Anderson“ gerade den Raum betreten hat und das Denkvermögen aller anwesenden Männern (und wenn wir schon dabei sind, auch einiger entsprechend veranlagten Frauen) in die unteren Körperregionen gerutscht ist?

Bestenfalls ignoriert Ihr Leser das, genauso wie ich es an meinen besseren Tagen tue, wenn ich gnädig gestimmt bin. Schlimmstenfalls verhindern Sie damit ein für alle Mal die emotionale Bindung Ihres Lesers an Ihre Figur, weil für ihn nun einmal eine schöne Frau nicht blond sondern rothaarig ist und eher weniger „Holz vor den Hütten“ mit sich herum trägt. Schließlich hält er Sie für einen Autor, der keine Ahnung hat, was für seine eigene Geschichte relevant ist.

Ok, Sie verzichten also möglichst auf die Beschreibung von Äußerlichkeiten, die nicht für den Verlauf der Geschichte relevant sind. Wie charakterisieren Sie dann Ihre Figuren?

Lesen Sie bitte den letzten Satz noch einmal durch. Fällt Ihnen etwas auf? Ihre Beschreibungen sollten Ihre Figuren charakterisieren. Wie charakterisiert man eine Figur? Nun, in dem Wort selbst steckt bereits die Antwort: Sie beschreiben eine Figur, indem Sie ihre Charaktereigenschaften beschreiben. Auch beim Leser kommt es auf die inneren Werte Ihrer Figuren. Beschreiben Sie Ihre Figur durch:

  • ihr Verhalten
  • ihre Motivation
  • ihre seelischen Wunden
  • ihre Wünsche
  • ihre Bedürfnisse

Verstehen Sie mich bitte richtig, Äußerlichkeiten können wichtig sein. Wenn sie denn für den Verlauf der Geschichte wichtig sind.

Wann sind Äußerlichkeiten für den Verlauf der Geschichte wichtig?

Die Äußerlichkeiten Ihrer Figuren werden erst dann für Ihre Geschichte relevant, wenn Ihre Figur dadurch Schwierigkeiten bekommt oder einer anderen Figur Schwierigkeiten bereitet.

Stellen Sie sich vor, Sie lesen gerade eine Geschichte, in der eine „heiße Blondine“ den Raum betritt. Welchen Informationsgehalt hat diese Angabe für Sie als Leser? Null (abgesehen von Ihren Rückschlüssen auf die erzählerischen Qualitäten des Autors).

Doch nun stellen Sie sich vor, dass der Autor vorher hier und da subtile Hinweise darauf eingestreut hatte, dass der Protagonist (von dem Sie als Leser nicht wissen und auch nicht wissen wollen, welche Haar- oder Augenfarbe er gerade hat) einer Blondine in keiner Weise widerstehen kann.

Sie ahnen schon, er wird wohl versuchen, sich an die Blondine ranzumachen. Dumm nur, dass der Protagonist sich gerade auf einer geheimen und wichtigen Mission befindet (er muss mal wieder die Welt retten), wobei er eine Ablenkung wirklich nicht gebrauchen kann.

Sie ahnen erst recht, dass es vielleicht zu einigen Komplikationen bei der Weltenrettung geben wird. Wenn der Autor richtig gut war, streut er so subtil wie möglich ein paar Infos ein, die darauf schließen lassen, dass diese Blondine mehr als eine Gefahrenquelle für den Protagonisten darstellt. Vielleicht ist sie die Freundin eines Mannes, den der Protagonist wirklich nicht verärgern sollte? Vielleicht ist sie eine Auftragskillerin? Vielleicht hat sie eigene Pläne, die natürlich denen des Protagonisten widersprechen?

Fragen Sie sich jedes Mal, wenn Sie die Haar-, Augen-, Hautfarbe und Sonstiges beschreiben wollen: Muss Ihr Leser das denn wirklich wissen?

Was gewinnen Sie, wenn Sie auf die unnötigen Äußerlichkeiten verzichten?

Sie gewinnen einen zufriedenen Leser, der sich mit Ihren Figuren emotional identifizieren kann oder zumindest Empathie für sie empfinden wird. Darüber würde dies einen Teil der Diskussion über die kulturelle Diversität überflüssig machen: Wenn Sie Ihren Protagonisten nicht in das „weiß-männlich-stark-Schema“ pressen, kann jedermann (und, wenn wir schon dabei sind, auch jederfrau) sich sein eigenes Bild von ihm machen. Ob er nun daraufhin blond, rot- oder schwarzhaarig wird oder gar eine Glatze hat, ist für Sie als Autor völlig irrelevant, für Ihren Leser hingegen nicht.

Vielen Dank für Ihr Interesse und Ihre Kommentare

Mira

Update

Einige Links, die sich mit der Diversität in der Literatur und im Film beschäftigen:

Sie haben eine Anmerkung oder eine Anregung zu diesem Artikel? Ich freue mich über Ihren .