Skip to Main Skip to Footer
Back to Header Skip to Footer
← zurück zum Blog
Weltenbau oder wie Sie eine neue Sprache erfinden: Lesen Sie diesen Artikel, weil Sie wie Tolkien Sprachen erfinden können, von Mira Alexander, http://www.miraalexander.de

Weltenbau oder Wie erfinden Sie eine neue Sprache: Lesen Sie diesen Artikel, weil Sie wie Tolkien Sprachen erfinden können

Inhaltsübersicht
  1. Wie ich eine Sprachenmutter wurde (oder werden könnte)
  2. Ein Beispiel für die Einfachheit des Seins
    1. Pronomina
  3. Substantive
  4. Geschlechter
  5. Zeiten
  6. Fälle
  7. Wortstämme oder Arabisch lässt grüßen
  8. Die Sprache komponieren
  9. Fazit

Wie ich eine Sprachenmutter wurde (oder werden könnte)

Also, als Sprachenbesessene würde ich beim Erfinden einer Sprache mich zunächst einmal bei zwei Sprachen bedienen: der chinesischen und der arabischen.

Warum, fragen Sie mich? Weil diese beiden Sprachen einige Eigenschaften haben, die wir von den uns eher bekannten indo-germanischen und romanischen Sprachen nicht kennen:

  • Chinesisch ist eine isolierende Sprache (Achtung! Nicht zu verwechseln mit den isolierten Sprachen), wo sogar das Fragezeichen am Ende des gesprochenen Satzes ein eigenes Wort hat und somit ausgesprochen wird.
  • Arabisch bedient sich Radikale und Wortstämme), wodurch eine Domäne oder eine Begriffsfamilie ensteht.

Und warum sind diese zwei Eigenschaften für mich als angehende Sprachmutter so interessant? Weil sie, richtig angewandt, das Erlernen meiner erfundenen Sprache radikal vereinfachen würde. Vergessen Sie alle Beugungen, Konjugationen, Fälle und zig unterschiedliche Worte, um eine Begriffsfamilie zu beschreiben. Sie lernen ein Wort und wissen sofort, wie Sie davon eine ganze Familie ableiten. Wie das geht? Gucken Sie mal her …

Ein Beispiel für die Einfachheit des Seins

Pronomina

Wie viele Pronomina haben wir im Deutschen? Richtig, acht.

Was wäre, wenn ich Ihnen sagen würde, dass wir maximal fünf (eigentlich sogar nur drei oder vier) bräuchten? Wie das geht?

  • ich → ich-ez
  • du → du-ez
  • er → er-ez
  • sie → sie-ez
  • es → es-ez
  • wir → ich-mz
  • ihr → du-mz
  • sie → er/sie/es-mz

War doch einfach? Und das war nur der erste Schritt.

Wahrscheinlich fragen Sie sich, was es mit „ez“ und „mz“ auf sich hat? Gut, dass ich eine Antwort darauf weiß.

  • ez: Einzahl
  • mz: Mehrzahl

Was ist denn „wir“ anderes als „ich“ in Mehrzahl? Und wenn wir schon dabei sind: Wenn wir nur zwei Möglichkeiten unterscheiden (Einzahl vs. Mehrzahl), dann können wir aus Gründen der Sparsamkeit auch ganz auf die Angabe eines dieser Multiplikatoren verzichten. Somit haben wir im nächsten Schritt:

  • ich → ich
  • du → du
  • er → er
  • sie → sie
  • es → es
  • wir → ich-mz
  • ihr → du-mz
  • sie → er/sie/es-mz

Aber wir haben immer noch fünf und keine vier oder gar drei Wörter. Darüberhinaus haben wir auch noch zwei zusätzliche Wörter ez und mz (wobei wir auf ez meistens verzichten werden). Was haben wir gewonnen?

Nun, wir sind noch nicht am Ende. Was ist er anders als ein männliches sie? Oder es ein undefiniertes sie? Warum also so viele Wörter für eine Tatsache, die wir anschließend näher spezifizieren könnten?

  • ich → ich
  • du → du
  • er → sub-mnl (Subjekt männlich)
  • sie → sub-wbl
  • es → sub-ntr
  • wir → ich-mz
  • ihr → du-mz
  • sie → sub-mz

An dieser Stelle müssten wir uns entscheiden, welches Geschlecht wir als Grundlage voraussetzen, um es im Sprachgebrauch ähnlich dem ez kürzen zu können. Und da die romanischen Sprachen nun einmal alle männlich-lastig sind (elles toutes aber ils tous, wenn es sich um eine gemischte Gruppe handelt), entscheide ich mich (und das hat nichts damit zu tun, dass ich selbst ein Mädchen bin) für Matriarchat und postuliere, dass die Grundform meiner Sprache weiblich ist.

  • ich → ich
  • du → du
  • er → sie-mnl
  • sie → sie
  • es → sie-ntr
  • wir → ich-mz
  • ihr → du-mz
  • sie → sie-mz

Somit haben wir acht Wörter auf drei plus fünf reduziert. Acht gegen acht also. Was haben wir gewonnen?

Viel, denn nur drei davon (ich, du, sie) sind wirklich geblieben. ez, mz, mnl, wbl und ntr begegnen uns nämlich sofort wieder und müssen also nicht auf die Pronomina drauf geschlagen werden.

Substantive

Ist es nicht blöd für einen Ausländer, dass im Deutschen ein Apfel aber mehrere Äpfel gibt? Oder warum haben nach wie vor selbst die Muttersprachler Probleme damit, dass es ein Wagen und mehrere Wagen und nicht Wägen gibt?

Mit meiner Sprache — kein Problem!

  • ein Apfel - mehrere Äpfel → ein Apfel(-ez) - mehrere Apfel-mz
  • ein Wagen - mehrere Wagen → ein Wagen(-ez) - mehrere Wagen-mz

Und wenn wir schon dabei sind: Wozu diese unnötige Redundanz? Wenn wir Apfel(-ez) sagen, dann ist es klar, dass es sich eben um einen Apfel handelt. Und wenn wir von Apfel-mz reden, ist es wiederum klar, dass es mehr als einer sind.

  • ein Apfel - mehrere Äpfel → Apfel(-ez) - Apfel-mz
  • ein Wagen - mehrere Wagen → Wagen(-ez) - Wagen-mz

Na, kommen Sie noch mit? Aber klar, Sie müssen schließlich statt vier Wörter (Apfel, Äpfel, Wagen, Wagen) sich nur noch zwei (Apfel und Wagen) merken, da Sie die Mengenwörter (ez und mz) bereits von den Pronomina kennen.

Geschlechter

Warum heißt es eigentlich die Gans aber der Gänserich/Ganser/Ganterich/Ganter (deutsche Sprache, reiche Sprache)? Warum die Katze aber der Kater, die Hündin aber der Hund? Und wenn wir schon dabei sind die Frau aber der Mann? (Ich hoffe, ich trete gerade niemanden auf den Schlips)

Das Spielchen von oben schaffen Sie ja auch ganz ohne mich. Sie wissen schließlich, dass in meiner neuen Sprache Matriarchat herrscht und wir nur Abweichungen von der Norm anzeigen. Also:

  • die Gans, der Gänserich/Ganser/Ganterich/Ganter → Gans, Gans-mnl
  • die Katze, der Kater → Katze, Katze-mnl
  • die Hündin, der Hund → Hündin, Hündin-mnl
  • die Frau, der Mann → Frau, Frau-mnl

Ach ja, damit sich niemand ausgeschlossen fühlt, wir können natürlich auch das dritte Geschlecht (unentschlossen, unbelegt, egal oder wie auch immer Sie es nennen wollen) einführen für all die, die sich nicht in das binäre Geschlechter Schema pressen wollen. Oder wir bleiben bei -ntr. Und dabei will ich niemanden kränken. Bedenken Sie, dass ich diese Sprache erfinde, während ich diesen Artikel schreibe. Ich habe mir zuvor keine Gedanken über eine neue Sprache gemacht.

Was haben wir also? Wir haben alleine elf Wörter auf sage und schreibe vier reduziert! Ist doch gar nicht schlecht für den Anfang. Unsere ausländischen Gäste werden uns lieben.

Zeiten

Ich liebe solche Schnellsprecher wie „backen / buck / gebacken“ auch wenn kaum ein Muttersprachler jüngeren Jahrgangs noch mit dem Wörtchen „buck“ etwas anzufangen zu können scheint. Waschen, wusch, gewaschen. Hängen, hängte, gehängt. Aber warte, es heißt doch hängen, hing, gehangen!

Ups. Und schon wieder hat die deutsche Sprache zugeschlagen. Doch ich schlage zurück.

  • backen, buck, gebacken → backen, backen-v1, backen-v2
  • waschen, wusch, gewaschen → waschen, waschen-v1, waschen-v2
  • hängen, hing, gehangen → hängen, hängen-it-v1, hängen-it-v2
  • hängen, hängte, gehängt → hängen, hängen-t-v1, hängen-t-v2

Elf Wörter auf drei reduziert und lediglich noch die Wörtchen für die beiden Vergangenheiten und die (In)Transitivität der Verben eingeführt. Wobei die Vergangenheitsbezeichner und die (In)Transitivitätskennzeichen für alle Verben nun gelten und somit nicht ins Gewicht fallen. Herrlich, so eine Sprache! Ups, wir sind ja im Matriarchat: Weiblich, so eine Sprache! Oder heißt es doch „Damenhaft“?

Ähnlich konstruieren wir die Zukunft etc.

Fälle

Hier hätten wir eine Wahl:

  • entweder verwenden wir eine fixe Satzstruktur, um anzuzeigen, was das Subjekt und was das Objekt des Satzes ist
  • oder wir führen neue Partikel ein, die das anzeigen

Da wir bisher alles mit Partikeln gelöst haben, bleibe ich meiner Linie treu und gehe wie folgt vor:

  • Nominativ (wer, was) die Katze, der Kater → Katze, Katze-mnl
  • Genitiv (wessen) der Katze, des Katers → Katze-gen, Katze-mnl-gen (auch Katze-gen-mnl möglich, bin mir noch nicht sicher, was besser ist)
  • Dativ (wem) der Katze, dem Kater → Katze-dat, Katze-mnl-dat (Katze-dat-mnl)
  • Akkusativ (was, wen) die Katze, den Kater → Katze-akk, Katze-mnl-akk (Katze-akk-mnl)

Wow, anstatt die Deklination mehrere Wörter und Artikeln zu lernen müssen wir nur noch je ein Partikel pro Fall lernen. Ist das nicht toll? Und noch besser: Wir haben dieses leidige Artikel-Problem abgeschafft. Fragen Sie jeden Ausländer, der Deutsch lernen darf, wie sehr er deutsche Artikel liebt, die (teilweise) nichts, aber auch gar nichts mit dem tatsächlichen (nicht grammatikalischen) Geschlecht der Wörter zu tun haben!

Wortstämme oder Arabisch lässt grüßen

Bisher orientierte ich mich stark am Chinesischen. Nicht, dass ich diese Sprache beherrschen würde. Außer ein paar Zeichen und grundsätzlichen Ideen habe ich davon leider gar keine Ahnung. Auch wenn ich es faszinierend finde, dass eine auf Zeichen basierende Sprache ein riesiges Land zu einen vermag, wo die Menschen sich in gesprochenen Sprache nicht verstehen würden, jedoch alles klar wird, wenn sie die geschriebene Sprache sehen.

Jetzt wildere ich im Arabischen.

Sorry, wenn Sie eine kurze Einführung in die arabische Sprache erwartet haben. Davon habe ich noch weniger Ahnung als vom Chinesisch. Aber ich finde die Schrift so schön. Jedenfalls habe ich ein wenig an der Oberfläche der arabischen Sprache gekratzt und Folgendes entdeckt:

Diese Sprache erfindet nicht jedes Mal ein neues Wort, wenn etwas zu beschreiben gibt, sondern bedient sich einer Begriffsfamilie (keine Ahnung, wie das tatsächlich heißt; meine Wortschöpfung).

Was sollte man darunter verstehen? Was haben folgende Wörter gemeinsam:

  • schreiben
  • Buch
  • Schreiber, Schriftsteller
  • Brief, Schriftstück
  • Schreibtisch, Büro, Stehpult
  • Bibliothek, Buchhandlung

Na, haben Sie es erkannt? Ja doch, alles hat irgendwie mit Schreiben zu tun. Aber hätten Sie es auch aus den Wörtern selbst erkannt? Ich bitte Sie, was hat das Wort Buch oder Bibliothek mit dem Wort schreiben zu tun?

Sehen Sie, im Arabischen sehr viel. Die Begriffsfamilie für schreiben geht dort auf die dreiradikalige Wurzel ktb zurück. Daraus entstehen unterschiedliche Begriffe, indem man die Konsonanten mit bestimmten (regelmäßigen!) Vokalen auffüllt oder Prä- und Suffixe anhängt. Ein Himmel auf Erden!

Ok, nicht wirklich, denn dummerweise werden die Vokale im Arabischen oft nicht geschrieben. Es geht also ein grosses Rätselraten los, was genau dieses ktb an dieser Stelle meint. Steht es für kataba (schreiben) oder kitab (Buch) oder eher maktub (Brief) oder maktaba (Bibliothek)?

Nein, ich mache es anders. Ich klaue, frech wie ich bin, die Idee der Wortwurzeln, fülle sie jedoch mit Vokalen auf und schreibe diese auch noch.

Da mir gerade der Kopf (und die Tastatur) raucht, erfinde ich an dieser Stelle nichts Neues sondern sage einfach:

  • schreiben → Schreiben-tat
  • Buch, Brief → Schreiben-erg (nicht näher spezifiziert; da müsste ich mich noch näher mit Arabischem beschäftigen, um herauszufinden, wie sie das machen)
  • Schreibtisch, Büro → Schreiben-ort
  • Schriftsteller → Schreiben-täter
  • Bibliothek → Schreiben-aufbewahrung

Was haben wir gewonnen? Sobald wir (als nicht MiraLingua-Muttersprachler) beim Lesen auf einen Begriff mit schreiben treffen, wissen wir schon, um was für eine Idee es sich handelt. Und sobald wir dann das zugehörige Partikel (tat, erg, ort, täter, aufbewahrung) erblicken, wissen wir sogar ungefähr, um was es sich wirklich handelt.

Sie glauben, das hätten Sie auch so gewusst, man bräuchte doch nur sieben Wörter zu lernen? Lesen Sie folgenden Satz:

Blafasel-täter blafasel-tat am Blafasel-ort und bringen dann Blafasel-erg in Blafasel-aufbewahrung.

Geben Sie doch zu, dass Sie zwar noch keine Ahnung haben, was blafasel als Wortwurzel für eine Bedeutung hat, jedoch wissen Sie schon eine Menge, worum es in diesem Satz geht. Es reicht ein Blick in ein Wörterbuch (wirklich, nur ein Blick) und Sie wissen sogar, worum es in diesem Satz wirklich geht. Vergleichen Sie das mit folgendem Satz:

Furzel blumt am quindel und bringen dann koringel in forsingel.

Und, haben Sie von diesem Satz nach dem ersten hinsehen genauso viel Ahnung wie nach dem ersten? Eben.

Die Sprache komponieren

So weit, so gut. Ich habe zwar noch nicht alle Aspekte einer Sprache abgehandelt, hatte ich auch nicht vor. Dieser ganze Artikel ist nur eine Spinnerei, die mich heute seit dem Aufwachen nicht los gelassen hat.

Eigentlich ist Sprachenerfinden gar nicht mein Metier, da ich keine Fantasy schreibe und auch an keinen Rollenspielen teilnehme, doch mein dummes Gehirn (aka Alien Freddi) hat es sich einfach nicht nehmen lassen, sich darüber auszulassen, wie es es wohl angehen würde, wenn es eine Sprache erfinden würde, die dazu noch in sich logisch gewesen wäre.

Keine Ausnahmen. Keine unregelmäßigen Verben. Keine was auch immer.

Einfache, klare Regeln.

Punkt.

Eines wollte ich noch anbringen: Falls Ihnen die von mir entworfene Sprache (MiraLingua, das gefällt mir) zu abgehackt vorkommt, können Sie sie gerne verschmelzen und die einzelnen Partikeln, die bisher eher als selbständige Wörter in der Gegend herum gestanden sind, an die Wortwurzeln fest anhängen (Präfixe und Suffixe sind auch nichts anderes).

Und natürlich können Sie statt meiner Partikeln Ihre eigenen verwenden. Ihrer Fantasie sind schließlich keine Grenzen gesetzt.

Fazit

Sie denken, das ist alles konstruiert und es gibt nichts mit -ez, -mz, -v2 etc? Denken Sie scharf nach. Denken Sie noch einmal. Was sind Suffixe und Präfixe anderes als diese kleinen Wörtchen, die schlussendlich mit dem Wortstamm verschmolzen sind?

Ich habe hier bewusst nur Anreize geliefert, weil ich selbst von meinem Gehirn (aka Alien Freddi) überrumpelt wurde, das mich zum Schreiben dieses Artikels aus heiterem Himmel (und nach der Lektüre des gestrigen Artikels über neu erfundene Sprache in einem Spiel ) verleitet hatte.

Es war nie meine Absicht, eine neue Sprache zu erfinden. Auch wenn es mich durchaus reizen würde, die deutsche Sprache zu vereinfachen, sie ein wenig logischer zu machen. Ich ducke mich schon, um den Steinen und den Prügeln zu entgehen, die Seitens der Sprachliebhaber auf mich niedersausen.

In dem Sinne, bleiben Sie mir gewogen und teilen Sie mir mit, welche Sprachen Sie erfunden haben.

Ach ja, teilen Sie diesen Artikel, weil es bestimmt mehr Menschen gibt, die ihre eigene Sprache erfinden möchten, wissen jedoch nicht, wo sie anfangen könnten.

Ihre Mira Alexander

P.S.: Abonnieren Sie meinen Newsletter, weil Sie dann immer auf dem Laufenden über meine neuen Publikationen sein werden.

  • Foto: Lena Bell
  • Manipulation: Mira Alexander

Sie haben eine Anmerkung oder eine Anregung zu diesem Artikel? Ich freue mich über Ihren .