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Was hättest Du getan? Die wichtigste Frage, die Sie als Autor nicht stellen müssen von Mira Alexander, http://www.miraalexander.de

Was hättest Du getan? Die wichtigste Frage, die Sie als Autor nicht stellen müssen

Inhaltsübersicht
  1. MDQ : Major Dramatic Question
  2. Die offensichtliche MDQ: Die Plot-Frage
  3. Die versteckte MDQ: Die spirituelle Frage
  4. Fazit
  5. Nach-Fazit

Kennen Sie das? Es liegt Ihnen auf der Zunge, aber Sie kriegen das Wort nicht heraus?

So ähnlich erging es mir bis heute in der Früh, als ich einen Blog-Artikel von LiveWriteThrive las. Ich wusste nur nicht, dass ich nach diesem Wort gesucht hatte. Mein Leben lang. Und es unbewusst schon immer so gemacht hatte.

Welches Wort, fragen Sie?

Nun ja, es geht um Bücher (wie Sie es sich schon denken konnten). Genau genommen, um Bücher Lesen. Und, wenn wir schon dabei sind, auch um Bücher Schreiben.

Was ist das, verdammt noch einmal, höre ich Sie schon schreien (ich habe Ohren wie ein Luchs, müssen Sie wissen).

MDQ : Major Dramatic Question

MDQ? Was soll das, haben wir nicht genug Termini, die wir beim Schreiben beachten sollen? Und kann man nicht endlich in Ruhe ein Buch lesen anstatt darüber zu lesen? Sie wissen schon, Ohren wie ein Luchs…

Nun, keine Angst, Sie müssen das nicht beherrschen. Wenn Sie ein guter (sprich fähiger) Autor sind, tun Sie es wohl automatisch. Und wenn der Autor des Buches, das Sie gerade lesen, gut war (sprich fähig), dann hat er das auch getan und Sie kommen in ihren Genuss, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Also, was ist nun ein MDQ?

Genau genommen gibt es zwei MDQs: Die Ihnen bereits geläufige Plot-Frage und die (Achtung!) spirituelle Frage.

Nein, Ihr Werk muss nicht ein New Age Schinken sein und Sie müssen auch nicht auf einem Selbstfindungstrip sein, um Bücher mit spirituellen Fragen gut finden zu dürfen. Es geht vielmehr um die Aussage, die Wirkung des Buches auf den Leser.

Die offensichtliche MDQ: Die Plot-Frage

Ich werde Sie hier nicht langweilen und etwas Ihnen Bekanntes noch einmal durchkauen: Die Plot Frage korreliert meistens (irgendwie) mit dem Thema und den Wünschen des Protagonisten.

Angenommen, Sie schreiben (bzw lesen) eine Geschichte eines Vaters, dessen kleine Tochter an die Dialyse gekettet ist und die, wenn nicht ein Wunder geschieht und ein geeigneter Nierenspender gefunden wird, höchstens sechs Monate zu leben hat. Konnten Sie sich das vorstellen? Sich in den Protagonisten einfühlen? Stellen Sie sich vor, es ist Ihre Tochter, die da liegt und leidet. Jetzt sind Sie in der passenden Stimmungslage.

Die Plot-Frage dieser Geschichte (und Ihres Lebens, wenn Sie jemals selbst in dieser Situation stecken würden) lautet: Wird der Protagonist (respektive Sie) es schaffen, innerhalb der nächsten sechs Monate, also noch bevor seine Tochter stirbt, eine Lösung zu finden (sprich, einen passenden, willigen Spender)?

Gut, am Ende der Geschichte (oder nach Ablauf der sechs Monate) werden wir wissen, wie diese Plot-Frage beantwortet wurde. Und ich gebe zu, ich hoffe von ganzem Herzen, dass die Antwort ein eindeutiges “Ja” sein würde.

Die versteckte MDQ: Die spirituelle Frage

Angenommen (wir lesen immer noch die oben erwähnte Geschichte und der Protagonist steckt immer noch in der misslichen Lage), es gibt einen passenden Spender. Einen einzigen. Nur ist er nicht bereit, seine Niere zu spenden.

Ich meine, stellen Sie sich vor, ein Fremder tritt auf Sie zu und bittet (oder verlangt) Sie, sich aufschneiden zu lassen und ein Körperorgan herzugeben für nichts und wieder nichts, obwohl sie sich nicht sicher sind, ob sie es vielleicht eines Tages noch brauchen würden. Die Natur arbeitet schließlich nicht umsonst: Wäre eine Niere grundsätzlich ausreichend, hätten wir im Laufe der Evolution eben eine eingebüßt. Spart Energie. So einfach ist das.

Vielleicht sind Sie eine junge Frau, die Kinder haben möchte (was mit einer Niere zwar möglich, jedoch wohl riskanter wäre als mit zwei gesunden, die Sie ja von Haus aus haben). Vielleicht haben Sie selbst jemanden, für den Sie als Spender in Frage kämen, bei dem es aber noch (glücklicherweise) nicht so weit ist. Vielleicht führen Sie auch einen riskanten/ausschweifenden Lebensstil, bei dem eine Niere relativ schnell hopps gehen kann. Vielleicht sind Sie gegen medizinische Eingriffe. Vielleicht widerstrebt Ihnen die Vorstellung, aufgeschlitzt und als eine Art Ersatzlager gebraucht zu werden. Vielleicht wollen Sie es einfach nicht. Vielleicht ist Ihnen das Leben des Mädchens schlicht und ergreifend egal.

Wie auch immer, der einzige in Frage kommende Spender weigert sich. Ihnen (jetzt Sind sie in die Rolle des Vaters geschlupft; ich hoffe, Ihnen ist es nicht schwindlig geworden) läuft die Zeit davon. Ihre Tochter ist nur noch der Schatten ihrer Selbst. Sie hat schon pragmatisch, wie die sterbenden Kinder es manchmal sind, sich von Ihnen verabschiedet und die Aufteilung ihrer geliebten Teddybären unter ihren Freunden geregelt.

Spätestens jetzt stürmen Sie aus ihrem Krankenzimmer. Sie weinen Sturzbächer. Es ist einfach nicht fair! Sie ist doch noch so klein! Und sie hat nur noch wenige Wochen, zwei maximal, zu leben! Dieses Schwein!!!

Sie laufen durch die Stadt. Die Nacht bricht an. Vor Ihnen wankt ein Betrunkener die schummerige Gasse entlang. Und in Ihnen reift ein Plan…

Ihre Tochter überlebt. Sie bekommt rechtzeitig eine geeignete Niere. Auch ein anderes Kind bekommt eine rettende Niere. Und eine junge Frau freut sich darüber, wieder sehen zu können. Sie wird ihrer Organspenderin für immer dankbar sein. Ein Junge, den Sie, der Protagonist, niemals kennen lernen, kann endlich wieder frei atmen, denn seine von der Mukoviszidose verstopfte Lunge wurde durch eine neue, saubere ersetzt.

Das Leben könnte so schön sein.

Könnte.

Wenn Sie (also der Protagonist) damit leben könnten, was Sie (also der Protagonist) getan haben.

Das ist Ihre (also ich meine, die des Protagonisten) spirituelle MDQ: Könnten Sie mit dem, was Sie getan haben, um Ihr Ziel (die Plot-Frage) zu erreichen, auf Dauer leben?

Könnten Sie?

Sie sind Vegetarier, ein Veganer vielleicht. Sie haben sich geweigert, Dienst an der Waffe zu leisten, weil Ihnen das Leben heilig ist.

Könnten Sie?

Könnten Sie damit leben?

Ich meine, die Frage ist ja nicht mehr, ob Sie es könnten. Die Frage lautet vielmehr nun, da alles vorbei ist, und ihre kleine Tochter erwachsen werden darf und irgendwann selber Kinder haben könnte, diese Frage lautet also: Wie werden Sie damit fertig, damit zu leben?

Diese eine spirituelle Frage muss vorbereitet werden. Der Leser sollte sie schon im Voraus erahnen, auch wenn er selbst gar keine Ahnung haben wird, was er ahnt, bis er erfährt, wie der Protagonist mit seiner Plot-Frage fertig geworden ist. Spätestens dann (aber auch meistens erst dann) rammen Sie Ihre spirituelle Frage mit voller Wucht Ihrem Leser in die Magengrube.

Er soll sich krümmen vor Schmerzen. Nein, keinen physischen Schmerzen. Die gehen vorbei. Es werden emotionale Schmerzen sein, die ihn noch lange danach quälen werden, wenn er den Buchdeckel schon längst geschlossen hatte.

Fazit

Na, haben Sie diese Frage für sich beantworten können?

Warum erzählte ich Ihnen diese herzerweichende (vielleicht auch ein wenig kitschige) Geschichte? Weil sie genau das tut, was ich an den Büchern mag, weshalb ich die Bücher nicht weg legen kann, weshalb mir die Bücher noch Tage, Wochen, Monate, sogar Jahre später noch immer nicht aus dem Kopf gehen, weshalb ich sie immer und immer lesen muss: Sie berührt mich nicht nur. Sie zwingt mich darüber nachzudenken, was ich an der Stelle des Protagonisten tun würde. Welche Entscheidung ich treffen würde. Ob ich mit dieser meinen Entscheidung leben könnte. Und, wenn wir schon dabei sind, ob ich damit leben könnte, wenn ich diese Entscheidung nicht getroffen hätte. Und im Endeffekt ist es diese Frage, die mich hoffen lässt, dass der Autor eines Tages eine Fortsetzung der Geschichte schreibt, damit ich endlich erfahren kann, dass der Protagonist es geschafft hat, mit seinen Dämonen Frieden zu schließen. Auch wenn ich es leider nicht glaube.

Die Hoffnung bleibt immer.

Nach-Fazit

Und die Moral der Geschichte?

Schreiben Sie immer vielschichtig. Erzählen Sie die Geschichte, in der der Protagonist ein Ziel hat. Doch denken Sie auch daran, dem Leser sein Seelenleben zu offenbaren.

Zeigen Sie am Ende der Geschichte, dass die Geschichte außerhalb des Buches weiter geht.

Die Leser werden Sie dafür lieben. Ich täte es jedenfalls.

Was hat das nun mit dem Wort zu tun, das einem auf der Zunge liegt? Nichts und alles zugleich. Die spirituelle MDQ ist nur dann so effektiv, wenn sie sich an Ihren Leser heranschleicht. Wenn sie ihn aus dem Hinterhalt überfällt, obwohl er schon lange verdächtige Geräusche aus dem dunklen Gebüsch hörte, an dem er alleine die nächtliche Strasse entlang huschte.

Bauen Sie die emotionale Falle für Ihren Leser subtil auf und schlagen Sie ihm erst am Ende, wenn eigentlich alles gut und vorbei ist, mit dem Hammer auf den Schädel. Er wird vor Schmerz heulen und Sie vor Glück küssen.

Wann fragten Sie sich das letzte Mal, ob Sie an der Stelle des Protagonisten mit der Konsequenzen Ihrer Tat (oder eben nicht-Tat) leben könnten? Würde es etwas ändern, wenn Sie wüssten, dass jemand dank Ihrer Tat (über)leben konnte, während Sie daran zerbrechen?

Einen schönen Tag

Mira Alexander

Sie haben eine Anmerkung oder eine Anregung zu diesem Artikel? Ich freue mich über Ihren .