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Sprachen als Quelle der Inspiration für die Autoren: Was verrät Ihre Sprache über Sie und Ihre Figuren? von Mira Alexander, http://www.miraalexander.de

Sprachen als Quelle der Inspiration für die Autoren: Was verrät Ihre Sprache über Sie und Ihre Figuren?

Inhaltsübersicht
  1. Mit der Sprachenanalyse Ideen für Ihre Geschichten generieren
  2. Fazit

Nach meinem Artikel Weltenbau oder Wie erfinden Sie eine neue Sprache entwickelte sich eine interessante Diskussion über künstliche und natürliche Sprachen sowie deren Ursprünge. Dabei fiel mir eine Geschichte aus einem Buch von Guy Deutscher, das ich noch immer nicht gelesen habe, jedoch fest damit rechne, es mindestens einmal in meinem Leben zu tun: Die Sprecher einer bestimmten Sprache beziehen sich bei ihren Ortsangaben nicht auf sich selbst sondern benutzen globalen Koordinaten.

Micha und Anna, Muttersprachler dieser Sprache, haben noch nie im Leben einen Gasherd gesehen. Nun haben sie sich so ein tolles, vor lauter Chrom glänzendes sechs-Brenner-Teil (mit einem Grill-Brenner!) geleistet. Anna bekam von dem Verkäufer einen Crash-Kurs in der Bedienung dieses Traums aller Träume (stellen Sie sich vor: Sie, locker-lässig an diesem Herd, eine sauschwere aber schicke Le-Creuset-Crêpes-Pfanne in Ihrer Hand schwingend, servieren Ihren mit offenem Mund am Tisch staunenden Gästen Ihre heißen Crêpes! Die Chef-Koch-Haube des Jahres ist Ihnen sicher).

Doch auch Micha kocht gern. Auch er will die Chef-Koch-Haube-des-Jahres. Wenn auch weniger wegen der goldgelben, hauchzarten Crêpes sondern für seine knusprigen Fleischspießchen im Speck (alle Gender-Aktivisten mögen mir diese Klischees verzeihen), auf die seine Kumpels mit offenem Mund am Tisch staunend warten.

Wären Anna und Micha wie wir, würde Anna dem Micha ganz einfach sagen, er solle den Knopf im Uhrzeigersinn drehen. Doch sie sind nicht wie wir.

Micha und Anna einigen sich darauf, dass der Herd an der Nordwand am besten aufgehoben ist (Feng-Shui lässt grüßen, auch wenn das Wort noch nie als „feng shui“ ausgesprochen wurde), womit die Vorderseite nach Süden zeigt. Warum das so wichtig ist? Weil Micha und Anna im Gegensatz zu uns in globalen Koordinaten denken!

  • (Micha) Mein Augapfel, der Traum meiner Träume, wie schalte ich das Gerät ein?
  • (Anna) Mein Held, der Stemmer aller Einkaufskisten, du drehst diesen Knopf nach Westen.
  • (Micha) Du Traum meiner …

Nach einiger Zeit fällt den beiden auf, dass das mit dem Feng Shui irgendwie doch nicht funktioniert. Also stellen sie den Herd an die Westwand ihrer Küche (die Vorderseite zeigt also nach Osten). Nun kommt die liebste Schwiegermutter aller Schwiegertöchter zu Besuch. Anna platzt vor Stolz (nicht zuletzt wegen ihrer berühmten hauchzarten Crêpes, den Killern aller Diäten), führt ihre Schwiegermama in die Küche und —

  • (Schwiegermutter) Anna, du Glückliche aller Glücklichen, die meinen Sohn heiraten durfte, wie funktioniert dieses Wunderwerk der modernen Technik?
  • (Anna) Du liebste Schwiegermutter aller Schwiegertöchter, du drehst diesen Knopf hier nach Norden

Kommt das Ihnen auch so umständlich vor? Ja, mir auch. Und wahrscheinlich würde ich mit meinem Orientierungssinn die komplette Bude abfackeln, bis ich gelernt habe, wie man so ein Teil bedient (ein Grund, warum ich so ein Teil immer noch nicht habe?), aber diese Menschen wachsen damit auf.

Und warum erzähle ich Ihnen nun diese Geschichte (außer, dass ich mir beim Schreiben selbst so gerne zuhöre)? Weil ich zum ersten Mal, seit ich von dieser Sprache gehört habe, darüber nachdachte, wie es dazu kam, dass die Sprecher so eine ungewöhnliche Entscheidung getroffen haben? Wie viele Sprachen benutzen schon ein globales Koordiantensystem?

Mit der Sprachenanalyse Ideen für Ihre Geschichten generieren

Und wie ich so nachdachte, fiel mir auf, dass ich dabei war, eine komplette Geschichte mitsamt der zugrunde liegenden Kultur der Protagonisten zu entwickeln.

Neugierig, was dabei herauskam?

  • Die Sprecher dieser Sprache haben einen gut entwickelten Orientierungssinn.
  • Sie können eine fiktive 3D-Welt sehr gut konstruieren.
  • Sie sind höchstwahrscheinlich viel auf Reisen.
  • Sie sind eher ein Volk der Gemeinschaft als der Individuen.
  • Sie verehren eher Naturgötter (wahrscheinlich in Form von Naturgewalten oder Naturmassiven wie Bergen, Flüssen etc) als irgendwelche Götter in Gestalt von Menschen oder Tieren.
  • Sie müssen in einer Umgebung leben, die die Orientierung begünstigt (eine sehr eintönige Landschaft wäre nicht sehr förderlich).
  • Sie dürften überproportional viele Begriffe für Orientierung/Navigation besitzen (im Vergleich zu Deutsch)
  • Sie könnten gute Naturbeobachter sein. Haben Sie schon versucht, sich in einer wolkenreichen Nacht zu orientieren? Ach, Sie schaffen es nicht einmal in einer wolkenlosen? Willkommen im Klub.
  • Es könnte sein, dass sie leichter als unsere Gesellschaft auf einen der Ihren verzichten können, wenn es dem Wohle der Gemeinschaft dient. Soll heißen, wenn die Erkrankung eines der Mitglieder sie z.B. an der Weiterwanderung hindert, die ihr Überleben sichert, würden sie weniger Skrupel haben, sich seiner zu entledigen. Wobei ich nicht sagen will, dass es in unseren Gesellschaft anders abläuft. Nur würde man hierzulande danach viel lamentieren und die Asche auf das eigene Haupt streuen und sich dann damit „abfinden“, dass es eben notwendig war. In deren Gesellschaft würden sie sich von ihm verabschieden, vielleicht in einer Art Weihezeremonie, sich umdrehen und weggehen, ohne, dass jemand das jemals in Frage stellen würde, wahrscheinlich nicht einmal der Zurückgelassene selbst. Vielleicht würde das eine oder andere Familienmitglied zurück bleiben, doch auch dessen wäre ich mir nicht sicher.
  • Wahrscheinlich sind sie gute Jäger. Erstens könnten sie als Nomaden (vorausgesetzt, diese Annahme stimmt) kaum Landwirtschaft betreiben. Zweitens wären sonst ihre hoch entwickelten Spurenlesereigenschaften vergeudet.
  • Schließlich würde sie unsere Zivilisation erst nach Jahrhunderten der Koexistenz entdecken, weil sie sich zu gut tarnen können.
  • Und hier beginnt meine Fantasie weiter zu spinnen …

Wohlgemerkt, ich habe keine Ahnung, ob meine Überlegungen zutreffen. Ich weiß ja noch nicht einmal, um welche Sprache es sich handelt.

Und jetzt stellen Sie sich vor, so einen neben sich als Beifahrer und Navigator auf sagen wir Rallye Dakar zu haben. Oder in München. Ich weiß nicht, ob Berlin genauso schlimm wäre. Allerdings könnte Augsburg im Sommer auch mithalten, wenn die Baustellen überall wie die Pilze aus dem Boden schießen.

Fazit

Und der Punkt war? Der Punkt ist, dass Sie, wann immer Sie dabei sind, eine Figur zu entwickeln, auch dessen Kultur und Sprache betrachten sollten.

  • Warum spricht diese Figur genauso, wie sie spricht?
  • Warum verwendet sie ausgerechnet diese seltene Redewendung?
  • Warum hat sich seine Sprache so und nicht anders entwickelt?

Der letzte Punkt gilt vor allem für die Kunstsprachen, die Sie extra für Ihre Geschichte entwickelt haben. Oft sind es unbewusste Entscheidungen, die Ihre Einstellung zu diesem Volk, dieser Figur oder auch Ihrer gesamten Geschichte verraten. Und meistens verrät das auch etwas über Sie selbst.

Grüße aus Augsburg

Mira

  • Foto: Lena Bell
  • Manipulation: Mira Alexander

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