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Artikel-Bild zu „Den Tod fürchte ich nicht. Es ist das Sterben, das mir Angst macht.“ von Mira Alexander, http://www.miraalexander.de

Den Tod fürchte ich nicht. Es ist das Sterben, das mir Angst macht.

… und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich keine Angst vor dem Tod habe. Vor dem Sterben an sich schon, aber nicht vor diesem letzten Augenblick oder eher dem Zustand danach.

Ich meine, ich bin dann nicht mehr da. Ich glaube nicht an das Leben nach dem Tod, Seelenwanderung oder sonstiges Brimborium. Vielleicht (aber nur weil das Gegenteil noch nicht bewiesen wurde) landet unser Wissen anonym als eine Art Wissensfetzen irgendwo in einer allumfassenden Matrix. Doch dieses Wissen wäre dann eine reine Information, bar jeglicher persönlichen Note, wie die Bits auf einem Standardcomputer, der weder den Informationsgehalt dieser Bits durch seine persönliche „Erfahrung“ beeinflusst, noch von diesen Bits irgendwie beeinflusst wird. Reiner Speicher sozusagen.

Von meiner Persönlichkeit als solcher würde hingegen nichts übrig bleiben. Außer der Wirkung, die ich auf andere Menschen ausgeübt habe.

Von meiner Persönlichkeit als solcher würde hingegen nichts übrig bleiben. Außer der Wirkung, die ich auf andere Menschen ausgeübt habe. Die ich durch mein Beispiel inspiriert oder abgeschreckt habe. Die alleine deshalb ein anderer Mensch geworden sind, weil ich kurz in ihr Leben getreten war. Weil sie an jenem Morgen mir und nicht meinem Nachbarn über den Weg gelaufen sind.

Ich werde nichts Bleibendes hinterlassen, zumindest nichts Bleibendes, was die meisten von Ihnen jemals werden sehen können. Doch irgendwie werde ich für immer da sein, wie ein Kopfabdruck im Kissen am Morgen danach: Der Mensch hat sich schon längst davon geschlichen, doch der Abdruck bleibt, ein Beweis dessen, dass er da war, dass etwas passiert ist. So lange, bis eine beherzte Hand das Kissen glättet.

Und genauso wird der (metaphorische) Abdruck meines Kopfes in den Kissen aller Menschen verbleiben, die mir jemals begegnet waren. Auch in den Kissen jener Menschen, die mir niemals begegnet waren.

Welche junge Frau wird eines Tages den Korb ausbaden müssen, den ich vor Jahren einem Jungen gegeben habe, den er womöglich bis heute nicht vergessen konnte? Sie hat mich nie getroffen. Ja sie weiß nicht einmal, dass ich jemals existiert habe. Und doch wird sie die Folgen meiner Tat zu spüren bekommen.

Welches Mädchen wird sich trauen, einen technischen Beruf zu ergreifen, weil ich ihm einmal erzählte, wie einfach er ist und wie viel Spaß man dabei hat?

Welches Kind würde seine Geburt überlebt haben, wenn ein junger Notarzt zur rechten Zeit vor Ort gewesen wäre, wenn er Jahre zuvor rechtzeitig zur Prüfung geschafft hätte, wenn der Busfahrer eine Sekunde länger darauf gewartet hätte, bis der Automat sein Ticket ausgespuckt hätte, wenn er nicht durch eine Begegnung mit mir schlecht drauf gewesen wäre, weil ich, als ich an jenem Morgen ihm über den Weg lief, ihn nicht angemotzt hätte?

Die Frau, das Kind, der Notarzt – Sie alle werden mich niemals gekannt haben. Und doch wird mein Kopfabdruck (metaphorisch gesehen) auf deren Kissen zurück bleiben, lange, nachdem ich bereits zu Staub zerfallen bin. Ein Abdruck, von dem niemand weiß, wem er gehört. Ein Abdruck, von dem ich nicht weiß, wo ich ihn überall suchen müsste.

Es gibt nur wenige Kissen im Leben von noch weniger Menschen, auf denen ich tatsächlich geschlafen habe, doch mein Abdruck wird Tausende, Millionen oder gar Milliarden Menschen für die nächsten paar Jahrhunderte oder Jahrtausende beeinflussen.

Es gibt nur wenige Kissen im Leben von noch weniger Menschen, auf denen ich tatsächlich geschlafen habe, doch mein Abdruck wird Tausende, Millionen oder gar Milliarden Menschen für die nächsten paar Jahrhunderte oder Jahrtausende beeinflussen.

Das Mädchen mit dem technischen Beruf, wissen Sie noch? Eines Tages wird es einen Algorithmus entwickeln, der in der Medizin die Sequenzierung der DNA und die Rekombination der RNA revolutionieren wird. Basierend darauf werden die Forscher in aller Welt die Synthese der künstlichen DNA erst richtig in den Griff bekommen. Dadurch wird ein Forscherteam die Gentherapie so weit verbessern, dass viele der bis dahin als unheilbar geltenden Krankheiten plötzlich heilbar werden.

Doch für mich wird es schon längst zu spät sein. Ich werde nichts Bleibendes hinterlassen haben. Nichts, worauf sich jemand wird erinnern können. Nichts, was darauf hindeuten würde, dass Millionen Menschen nicht gerettet worden wären, hätte das kleine Mädchen nicht auf eine Frau gehört, die ihm erzählte, wie einfach und spannend ihr Beruf sei.

Nichts, was verraten würde, wer daran Mitschuld trägt, dass ein anderes Forschungsteam nur kurze Zeit später eine andere Anwendung für die Rekombination der RNA gefunden haben wird.

Doch ich werde nicht erfahren, wie viele Millionen Meschen sterben werden, weil der Mensch immer das tut, was möglich ist. Was möglich geworden ist, weil ein kleines Mädchen eines Tages auf eine Frau hörte, die ihm erzählte, wie einfach und spannend ihr Beruf doch sei.

Denn ich werde nicht mehr sein als ein Kopfabdruck auf dem Kissen eines Menschen, der nicht einmal weiß, dass es mich jemals gegeben hatte.

Deshalb fürchte ich den Tod nicht.

Nur das Sterben, das macht mir immer noch Angst.

Ihre Mira Alexander

P.S.: Und nein, ich motze grundsätzlich keine Busfahrer oder sonst jemanden an. Jedenfalls nicht ohne, dass diese mich bis aufs Blut gereizt haben. Warum? Lesen Sie nochmal den Text, dann wissen Sie es.

Sie haben eine Anmerkung oder eine Anregung zu diesem Artikel? Ich freue mich über Ihren Kommentar.