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Tag 15: Schreiben lernen mit James Camerons Avatar von Mira Alexander, #Autorenwahnsinn 2017 . Digitale Zeichnung eines Avatars.

Schreiben lernen mit James Camerons Avatar

Veröffentlicht: 15.01.2017
Anzahl Wörter: 2303
Lesedauer: 8 min
Inhaltsübersicht
  1. Die kommenden Ereignisse und ihre langen Schatten
  2. Der Heldentod des Helden
  3. Die Generalprobe der Auferstehung
  4. Noch ein Tod und noch eine Auferstehung
  5. Weitere Schatten, Wandlungen und der ganze Rest
  6. YAWEP (aka Yet Another Writing Exercise Post)
  7. Postskriptum

Eigentlich wollte ich einen gemütlichen Abend mit 37+°C, einer Decke, einer (oder vielen mehr) Tasse heißen (Salbei)Tees (gegen Halsschmerzen) und James Camerons Avatar verbringen.

Eigentlich. Denn irgendwie schaffte es mein fiebriges Gehirn dabei nicht wirklich abzuschalten. Oder anders gesagt, es legte sich auf die Lauer. Es tat so, als würde es einfach den Film, die Geschichte und die unglaubliche Computergrafik genießen (ich bin Informatikerin, ich darf davon begeistert sein), doch am nächsten Morgen – zack, und ein Gedanke tauchte aus dem Nichts auf. Und noch während ich diesen Gedanken notierte, kam der zweite … dritte … vierte … erwarten Sie jetzt bitte nicht von mir, dass ich sie alle nachzähle.

Ich weiß nicht, ob ich diesen Artikel jemals veröffentlichen werde. Es gibt doch schon so viele Artikel, die unterschiedliche Filme und Bücher sezieren. Doch alleine das sukzessive Entdecken all der mehr oder weniger (wie im Falle des Todes von Grace, aber dazu später) platzierten Dinge, über die man in den meisten Schreibratgebern liest, die einem aber beim Schreiben plötzlich nicht mehr so filigran geschnitzt, sondern eher wie mit Axt zusammen gehauen vorkommen – alleine das ist schon ein wunderbarer Zeitvertrieb. Ich gebe aber auch zu, mein Fieber liegt gerade immer noch deutlich bei 37+°C. Sehen Sie mir also meine allzu offensichtliche Begeisterung über diesen Film nach.

Die kommenden Ereignisse und ihre langen Schatten

Es fing also damit an, dass mir aus heiterem Himmel (der gar nicht so heiter war, denn es war kurz vor einem Schneefall, das Tief Egon warf seinen langen Schatten voraus) das Want von Jack Sully, dem Helden des Avatars einfiel, und zwar in dem Zusammenhang, dass er zum Schluss ja doch seinen sehnlichsten Wunsch, seine Beine, bekommen hatte. Nur (wie so oft in guter Fiction) nicht genau so, wie er es sich vorgestellt hatte. Aber alles der Reihe nach.

Der Film beginnt mit Sully im Rollstuhl und dem Tod seines Zwillingsbruders, bei dem ich mir nicht ganz sicher bin, ob er ihn nun betrauert oder eher mehr oder weniger zynisch darüber sinniert, dass der eine, der Unversehrte, der eine Top-Karriere vor sich hatte, so sinnlos sterben musste, während er, ein Wrack, weiter lebte.

Erst nach und nach enthüllt er seine Beweggründe, den Platz seines erfolgreicheren Bruders einzunehmen: Reiche Leute können sich neue Beine leisten, ein Kriegsversehrter aber nicht. Und sein Wunsch nach neuen Beinen ist so groß, dass er bereit ist, (in seinen eigenen Augen) so tief zu sinken und ein Söldner zu werden. Kein Soldat, ein Söldner.

Diese Feststellung war erst der Beginn des roten Fadens, der sich durch den ganzen Film hindurch zieht. Als Nächstes bekommt er ein Angebot, das er nicht ablehnen kann: Liefere uns die Eingeborenen und du bekommst neue Beine. Selbst wenn er dafür zum Verräter an seinem eigentlichen Team, den Wissenschaftlern, wird. Er tröstet sich damit, dass er immer noch Marines dient. Und seinen Beinen.

Dann geht sein Traum zumindest in Form eines Stellvertreters, seines Avatars, in Erfüllung: Als Alien kann er sich frei bewegen und ist sogar noch fitter, als er war. Das kostet er so weit aus, dass er sich immer mehr in die Traumwelt flüchtet.

Bis schließlich die Entscheidung ansteht: Morgen bekommst du deine Beine. Du brauchst nur die Aliens zu verraten, nichts weiter.

Und seltsamerweise, so kurz vorm Ziel, verzichtet er auf seinen größten Wunsch. Wofür? Für irgendwelche Ideale (und ein kleines bisschen Liebe). Natürlich macht ihm die Aussicht, zumindest noch die Avatar-Beine benutzen zu können, diese Entscheidung zu diesem Zeitpunkt noch leichter, dennoch …

Sind Sie mir und dem roten Faden bis hierher gefolgt? Dann haben wir nun die Auflösung vor Augen, und zwar eine von der (Story-technisch gesehen) besseren Sorte: Sully bekommt, was er will, jedoch nicht so, wie er es will. Er bekommt neue Beine. Nur nicht die, an die er dachte. Und nicht für den Körper, an den er dachte.

Sein sehnlichster Wunsch erfüllt – nur anders, als er dachte.

Der Heldentod des Helden

Ein weiteres Muss einer Heldenreise: Der Held muss sterben. Hier durchlebt (welch ein Wortspiel!) Sully gleich mehrere Tode.

Zunächst stirbt er emotional, als er sich von seiner Wertevorstellung als Marine verabschiedet und als Söldner anheuert. Er stirbt ein weiteres Mal, als er zum Verräter wird, nicht ein Mal, nicht zweimal, sondern gleich dreimal (Wissenschaftler, Eingeborene, Marines). Dann stirbt er moralisch, als er realisiert, welche Verbrechen an der Menschlichkeit (ich habe es heute mit den Wortspielen) die Menschheit, seine eigene Rasse, im Namen des Profits gerade begeht. Schließlich stirbt er einen physikalischen Tod.

Doch geben Sie es zu: Auch Sie schimpfen über das unvermeidliche Happy End … und haben dennoch am Ende eines No-Happy-End-Filmes/Buches einen schalen Geschmack im Mund.

Wir wollen nun einmal, dass am Ende alles gut ist. Dass das Gute siegt. Dass das Böse bestraft wird. Dass … Sie wissen schon, Friede, Freude, Eierkuchen – und der Weltfrieden für alle.

Welche Belohnung, die an Stelle eines Happy Ends tritt, bekommt also Sully? Tadaaaa – es ist die Auferstehung! Es ist kurz nach Weihnachten, da dürfen wir an so was glauben.

Aber halt, da sind wir schon bei mindestens zwei weiteren Punkten, die mein nicht linear denkendes Gehirn gerade auseinander spinnt.

Viele kleine Tode – und dann stirbt er doch tatsächlich.

Die Generalprobe der Auferstehung

Der Held stirbt, der Held wird zum Baum (der Erkenntnis, aber halt, das ist ja eine andere Story; passt aber auch irgendwie zum Weihnachten) gebracht, der Held wird wiedergeboren – Friede, Freude … Pustekuchen.

Ich meine, ich bitte Sie – kaum braucht der Held eine Rettung, schon steht eine zur Verfügung, so einfach dir nichts, mir nichts? Echt jetzt?

Nein, natürlich nicht. Auch das muss von langer Hand geplant und vorbereitet sein. Und deshalb muss Grace sterben.

Sie muss es einfach. Nein, ehrlich, oder ist Ihnen gar nicht aufgefallen, dass sich dabei ihr sehnlichster Wunsch (ihr Want) erfüllt? Erinnern Sie sich noch an diese Szene, sie am Computer, hämmert irgendwelche Daten ein, voller Neid auf „irgend so ’nen dahergelaufen Marine“, dem der erste Kontakt zu den Eingeborenen gelang. Ihm! Dem Ignoranten, der nicht einmal ein Wort der Sprache beherrscht! Oder an die Szene, wo sie von ihrem Wunsch spricht, den Baum und die Quelle der Alien-Spiritualität einmal zu erleben?

Nun, am Ende bekommt sie das, was sie sich wünscht. Allerdings (mal wieder), nicht so, wie sie es sich erhofft hatte (drum: Sei vorsichtig mit deinen Wünschen – sie könnten auch in Erfüllung gehen): Sie darf zwar in das Allerheiligste, vereinigt sich sogar mit der Gottheit – nur um anschließend zu sterben.

Mission erfüllt. Grace tot.

Warum, fragen Sie sich jetzt, darf Grace dieses Procedere nicht überleben? Ganz einfach: Es kann nur einen Messias geben. Nur einer darf sterben und wieder auferstehen. Der Held. Nicht so eine entbehrliche Nebenfigur.

Es kann nur einen Messias geben.

Warum dann die ganze Szene, wenn sie doch eh stirbt? Neben der Möglichkeit, die Verletzlichkeit und die Emotionalität des Helden zu zeigen, ohne ihn dabei als einen weinerlichen Waschlappen wirken zu lassen (der harte Kerl mit dem weichen Kern eben; wollen wir nicht alle so sein wie er?), ist es die perfekte Gelegenheit, ihr (quasi als Henkersmahlzeit) ihren sehnlichsten Wunsch zu erfüllen und (das Wichtigste überhaupt) die Wiederauferstehung des Helden vorzubereiten. Es soll ja nachher nicht à la deus ex machina wirken.

Dank dieser Szene wissen wir nun, dass die Möglichkeit eines Seelentransfers also nicht ganz abwegig ist, wenn auch offenbar nicht erprobt und mit geringen Überlebenschancen verbunden.

Ein gewitzter Leser/Zuschauer weiß spätestens jetzt, dass am Ende ein Seelentransfer zwischen Sully und seinem Avatar stattfinden wird. Alles andere wäre ein Betrug am Leser gewesen.

Noch ein Tod und noch eine Auferstehung

Oben haben wir schon von vielen Toden des Helden gesprochen (ok, ich habe gesprochen, Sie habe es geduldig über sich ergehen lassen) und dabei einen der Tode ausgelassen: seine Lossagung von der Menschheit.

Warum? Weil dieser letzte Tod (Identitätstod) erst nach seiner Auferstehung als Na’vi stattfindet und somit zeitlich erst dann abgehandelt werden sollte, auch wenn das eigentliche Sterben schon vorher begonnen hatte, als er sich immer mehr für die Belange der Eingeborenen einsetzte.

Richtig sichtbar wird dieser Identitätstod, als er bei der Abschiebung der Menschen von Aliens spricht und sich dabei auf … die Menschen bezieht. Er ist jetzt ein Na’vi. Die Menschen sind Eindringlinge und somit Aliens.

Ist Ihnen an dieser Stelle noch eine Wiedergeburt aufgefallen? Seine Wiedergeburt als Na’vi. Denn wenn er die Menschheit nicht mehr als seine eigene Rasse, seine eigene Identität ansieht, muss er etwas anderes sein – ein wiedergeborener Na’vi.

Weitere Schatten, Wandlungen und der ganze Rest

Langsam werde ich müde. Ich habe Fieber, kann kaum noch schlucken und der Artikel explodiert unter meinen Fingerspitzen. Sie werden mir also hoffentlich nachsehen, wenn ich nicht alle Hinweise auf ein gutes Storytelling aufführen werde. Dazu würde ich sicherlich noch das eine oder andere Mal mehr den Film anschauen müssen. Dann aber auf einem Beamer (um die Flugszenen besser genießen zu können), ohne Hund an meiner Seite (zumindest nicht während der ersten Begegnung zwischen Sully und Naytiri; die akustische Untermalung der Wildtierangriffe hat ihn ziemlich verstört, da es sich eindeutig um Hundewinseln und -knurren handelte) und mit einem Notizblock oder Diktiergerät in der Hand.

Noch eine Stelle möchte ich Ihnen ins Gedächtnis rufen: Als Sully bei der Ankunft auf dem Planeten Pandora (der Name sagt ja auch schon alles, oder?) davon spricht, dass „es so etwas wie Ex-Marine nicht gibt … Einmal Marine, immer Marine.“

An dieser Stelle wissen wir, dass es nur noch zwei mögliche Ausgänge geben wird:

  • Entweder stirbt er am Ende eines ehrenhaften Todes, in Ausübung seiner Marine-Pflichten (auch wenn er sich nun als Söldner sieht, ist und bleibt er doch bis zum Schluss ein Marine)
  • Oder aber er wird Marines verraten und somit doch noch beweisen, dass es so etwas wie Ex-Marine gibt

Wir wissen alle, wie die Geschichte am Ende ausgeht.

Doch das bleibt nicht seine einzige Wandlung:

  • Er beginnt als ein desillusionierter Krieger,
  • wird zu einem Söldner (die er selbst verachtet),
  • einem dreifachen Verräter,
  • Messias (der Turuk-Reiter),
  • Retter der Welt (nein, kein Heiland; oder am Ende doch?)
  • und schließlich ein vom Tode wieder Auferstandene

Wenn das keine Heldenreise ist, dann weiß ich auch nicht …

YAWEP (aka Yet Another Writing Exercise Post)

Und jetzt, wo ich mit dem Abtippen meiner Notizen fertig geworden bin (Diktieren ist leider nicht drin, wegen der Erkältung und dem damit verbundenen Stimmverlust), fällt mir auf, dass das zwar nicht ganz zum Thema des fünfzehnten Tages des #Autorenwahnsinns passt, mit viel gutem Wille jedoch als solches durchgehen kann.

Ist Ihnen übrigens aufgefallen, wie gekonnt ich immer am Thema vorbeischreibe? Wie ich das Thema Schreibratgeber gerade mal einmal aufgegriffen habe, mit einem einzigen Wort, „Schreibratgeber" und das auch noch in der Einleitung? Wie ich stattdessen davon erzähle, wie man diese Schreibratgeber in einer Feldstudie anwendet?

Also doch, ich beglücke die Welt mit einem weiteren Artikel, in dem ein weiterer Film aus der Sicht eines Wissbegierigen seziert wird. Sehen Sie es mir bitte nach. Ich war jung und hatte Fieber.

Ihre Mira Alexander

Postskriptum

P.S.: Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und bitte ausdrücklich um Verzeihung für diesen langen Artikel, den ich eigentlich doch nur für mich geschrieben habe, fasziniert von den neuen Beinen des Helden.

P.P.S.: Sehen sie nicht lebensecht aus? Ich weiß, ich höre mich wie ein Groupie an, aber diese wunderbare Computergrafik. Wie viele Stunden saßen unzählige Helfer am Computer, von denen nie jemand auf der Straße um ein Autogramm gebeten wird? Und wie bekloppt müssen sich die armen Schauspieler vorkommen, die fast die komplette Zeit vor einem blue oder green screen drehen mussten. Um sie nichts herum, sie selbst mit irgendwelchen Punkten markiert und alles findet nur in ihrem Kopf statt.

P.P.P.S.: Und eines Tages legt man sich ganz einfach Bibliotheken mit den Scannerdaten der Mimik, Gestik und Bewegungsabläufe von No-Name-Schauspielern an und lässt komplette Filme aus der Retorte entstehen. Keine Individualität à la Jack Nicholson oder Meryl Streep aber hey, dafür sinken die Produktionskosten! Schöne neue Welt. Btw, das wird ungefähr zu der Zeit stattfinden, wenn die Bücher von Algorithmen geschrieben werden, die die Bestseller analysiert und in ihre Bestandteile zerlegt haben. Alles alter Wein in neuen Schläuchen, aber dafür Zielgruppen erprobt. Ja kein Risiko angehen und Kosten minimieren. Fantasie und Kreativität werden schließlich hoffnungslos überbewertet.

P.P.P.P.S.: Und ja, ich habe eine Unmenge an Schreibratgebern durchgelesen, analysiert, mit meinen eigenen Gedanken vermengt und wieder synthetisiert. Als ich begann, mich für das Thema Schreiben/Selfpublishing zu interessieren, gab es so gut wie keine deutschen Ratgeber dazu, jedenfalls nichts, was man tatsächlich hätte benutzen können. Die wenigen deutschen Ratgeber, die ich besitze, sind in der Tat Übersetzungen aus dem Englischen/Amerikanischen. Ich glaube sagen zu können, dass ich den Kauf keines einzigen Ratgebers bereut habe, selbst wenn die Ausbeute daraus nur ein einziger Satz war, nur eine einzige Idee. Selbst wenn das nur eine Wiederholung einer bereits bekannten Idee war, nur eben aus einem anderen Winkel. Je mehr Winkel ich habe, aus denen ich ein Problem beleuchten kann, desto besser verstehe ich das Problem in seiner Vielschichtigkeit. Und wer weiß, vielleicht mache ich mir einmal die Mühe, die Liste der (für mich) bedeutendsten Ratgeber aufzustellen. Nur nicht jetzt und heute. Nicht, wenn ich am liebsten unter einer Decke gekuschelt in meinem Bett liegen möchte.

P.P.P.P.P.S.: Und da mir gestern aufgefallen ist, dass ich schon in einem meiner früheren Posts einige Schreibratgeber aufgeführt habe, die ich als wertvoll empfunden habe, hier der Link Wie Sie in 30 Minuten ein Outline für Ihren Roman schreiben, Teil 1. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag im Schnee.

P.P.P.P.P.P.S.: Und hier gibt es die Übersicht aller Artikel der Serie #Autorenwahnsinn 2017.

Sie haben eine Anmerkung oder eine Anregung zu diesem Artikel? Ich freue mich über Ihren Kommentar.