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Wie Sie in 30 Minuten ein Outline für Ihren Roman schreiben, Teil 7

Veröffentlicht: 04.11.2015
Anzahl Wörter: 1176
Lesedauer: 4 min
Inhaltsübersicht
  1. Bevor wir anfangen …
  2. Das ist (k)ein Märchen!
  3. Quo vadis?
  4. Ausblick

Bevor wir anfangen …

Alle sieben Teile dieser Serie auf einen Blick:

In dem sechsten Teil dieser Artikelserie habe ich Ihnen ein Beispiel für die Stärken einer generischen Vorlage versprochen. In diesem, letzten Teil dieser Serie löse ich das Versprechen ein und lege eine Vorlage für eine Romanze in Hier und Jetzt vor. Wie ich bereits mehrfach erwähnte, sind das alles sehr schnell entworfene Vorlagen, die keinen Anspruch auf Brillianz oder Genialität erheben. Sie sollen Ihnen lediglich als Zünder für Ihre Phantasie dienen.

Also, lassen Sie uns beginnen.

Das ist (k)ein Märchen!

Wie könnte unsere Geschichte aussehen, wenn wir das Reich der Märchen verlassen und in die Realität zurück kehren würden? Wie wäre es dann damit:

(0 %) Unsere mit Komplexen beladene (natürlich sehr hübsche) Protagonistin Tanja besitzt zwar einen brillianten Verstand doch kein Gramm Selbstvertrauen. Ihr fieser, völlig talentfreier Chef nutzt ihre Kreativität aus, hält sie ansonsten möglichst klein.
(12,5 %) Jedes Jahr steigt ein Wettbewerb, bei dem alle Kreativen aus der Werbebranche um eine der begehrten Stellen in der angesagtesten Werbeagentur der Welt buhlen. Es ist zwar allgemein bekannt, dass die Arbeitsbedingungen dort unmenschlich sind, doch wer bis dahin geschafft hat, der hat es geschafft. Außerdem ist Tanja jedes Mittel reicht, um ihrem verhassten Chef zu entkommen.
(25 %) Tanjas fieser Chef kriegt davon Wind und verleumdet sie bei dem Konkurrenten, indem er ihr ein unlauteres Verhalten vorwirft. Sie wird auf Lebenszeit von dem Wettbewerb ausgeschlossen. Mehr noch, da diese Lüge in der Branche ihre Runde gemacht hat (dafür ihr Chef schon gesorgt), hat sie auch keine Chance mehr, selbst in einer zehntklassigen Agentur unterzukommen.
(37,5 %) Tanja schneidet ihre traumhafte platinblonde Mähne ab, färbt sie in dem Ton einer flüssigen Schokolade, ersetzt ihre Brille durch Kontaktlinsen und schmuggelt sich unter falschem Namen beim Contest ein. Sie kommt in die Endauswahl (klar doch, sie hat geniale Entwürfe) und wird schließlich enttarnt. Die zum Narren gehaltene angesagteste Werbeagentur setzt ein lebenslanges Berufsverbot durch. Nun kann sie (offiziell) nicht mal ihre bisherige Stelle behalten, was ihr ihr fieser Chef sehr übel nimmt.
(50 %) Nachdem unsere Tanja durch die Veränderung ihres Äußeren auch mehr Selbstbewusstsein hinzugewonnen hat, sieht sie nicht ein, dass sie weiterhin für ihren schurkischen Chef, dazu noch schwarz, schuften soll. Sie macht sich auf auf die Suche nach jemanden, der ihren Unterhalt finanzieren könnte.
(63,5 %) Tanja begegnet einem armen Schlucker aus der Werbebranche, dessen niedriges Gehalt jedoch für zwei nicht ausreichen würde. Sie mag ihn (irgendwie), doch diese Tatsache reicht nicht aus, um die Suche nach einem vermögenden Sugar Daddy abzubrechen. Sie wird die Muse und Geliebte eines der Bonzen aus der leitenden Etage, der ihr zwar ebenfalls keine offizielle Berufserlaubnis verschaffen kann, ihr dafür aber einen gewissen Lebensstandard bietet. Ab und zu darf sie für ihn sogar kreativ sein.
(75 %) Tanja hat sich mit ihrem Leben ohne Liebe arrangiert, bis sie erfährt, dass ihr Sugar Daddy eine andere Geliebte hat. Sie fragt sich, wie lange er wohl sie aushalten wird, da sie auch nicht junger wird. Was ist ihr wichtig in ihrem Leben? Immer öfter muss sie an den armen Schlucker denken, der ihr leider gar nichts bieten konnte. Sie beschließt, nach einem Sugar Daddy zu suchen, der ihr nicht nur Luxus sondern auch Liebe bieten kann.
(88,5 %) Die Suche nach einem liebenden Sugar Daddy gestaltet sich langwierig. Tanja begegnet wieder ihrem armen Schlucker, der offenbar dabei ist, in den Hafen der Ehe einzulaufen. Natürlich ist seine Auserwählte nicht gut für ihn. Tanja darf nicht zulassen, dass er einen so riesigen Fehler in seinem Leben macht. Sie kämpft um ihn.
(100 % a) Tanja ist mit ihrem armen Schlucker glücklich vereint. Sie leben in relativen Armut, da sie nach wie vor dem Berufsverbot unterliegt, doch das macht ihr nichts aus. Sie hat ihre Liebe gefunden. (+Bedürfnisse, -Wünsche)
(100 % b) Tanja ist mit ihrem armen Schlucker glücklich vereint. Er entpuppte sich als gar nicht so arm. Eigentlich sogar als reich. Ausgesprochen reich. Er ist der Alleinerbe der bereits weiter oben erwähnten angesagtesten Werbeagentur der Welt. Sie erreicht ihre Rehabilitation, der böse Chef wird bestraft und in der Werbeagentur herrscht endlich ein freundliches Betriebsklima. (+Bedürfnisse, +Wünsche)
(100 % c) Tanja hat endlich erreicht, dass sie wieder in ihrem Beruf arbeiten darf. Leider musste sie dafür ihre Liebe zu dem armen Schlucker aufgeben. (-Bedürfnisse, +Wünsche)
(100 % d) Tanja hat ihren Sugar Daddy für den armen Schlucker verlassen, womit sie die letzte Existenzgrundlage verloren hat. Sie nimmt das in Kauf, denn sie freut sich schon auf das gemeinsame Leben mit ihrem armen Schlucker. Am Tag ihrer Hochzeit rast einer der betrunkenen Gäste in das Fotoshooting. Der arme Schlucker ist auf der Stelle tot. Tanja ist für immer entstellt, verliert einen Arm und ihr Augenlicht.(-Bedürfnisse, -Wünsche)

Haben Sie in dieser Geschichte unser ursprüngliches Outline erkannt? Hat auf den ersten Blick so gar nichts mit unserem ursprünglichen Märchen zu tun, nicht wahr? Beachten Sie auch, wie sehr die vier unterschiedlichen Enden unsere Geschichte zu verändern vermögen. Was wollten Sie als Autor nochmal mit dieser Geschichte sagen?

Sieht das für Sie arg nach Kitsch aus? Mea culpa, ich wollte es so. Irgenwie war mir gerade danach. Hätte ich diesen Artikel gestern geschrieben, wäre er vielleicht todernst geworden. Ist auch so ’ne Sache mit generischen Outlines …

Ich gebe auch unumwunden zu, der Entwurf ist nicht gerade brilliant. Ich verfahre da gemäß des Spruches „Der erste Entwurf ist für die Tonne“

Quo vadis?

Was können Sie nun mit Ihrem neu erworbenen Wissen anfangen? (Ganz abgesehen davon, dass Sie jetzt schon wahrscheinlich mit dem Schreiben Ihres Romans anfangen könnten.)

Je mehr Iterationen Sie durchführen, desto mehr Ereignisse bekommen Sie, an denen Sie sich beim Schreiben orientieren können. Jede weitere Iteration verdoppelt die Anzahl der Ereignisse in Ihrem Outline. Wären wir also nicht bei der 4. Iteration stehen geblieben, hätten wir im nächsten Durchlauf bereits 16 Punkte gehabt. Was (rein theoretisch) etwas mehr als 3.000 Wörter pro Punkt ergäbe, um auf einen Roman von 50.000 Wörtern zu kommen (NaNoWriMo lässt grüßen).

Kombinieren Sie mehrere Outlines miteinander und Sie erhalten komplexe Romane mit mehreren Subplots.

Führen Sie noch mehr Iterationen durch (was also 32, 64 und mehr Punkte ergeben würde) und Sie können sich bereits Gedanken darüber machen, wie Sie Ihr Mammut-Outline in mehrere Folgen einer Serie aufteilen könnten.

Anders gesagt, dank der einfachen Methode des Iterativen Outlinings, die auf einer einzigen Regel basiert, können Sie beliebig komplexe Geschichten erschaffen.

Sie müssen sich nur eines merken:

Halbiere das Problem, bis du es beherrschen kannst.

Ausblick

Mit diesem (doch sehr umfangreich gewordenen) Artikel beschließe ich diese Serie.

Habe ich damit alles gesagt, was zu Iterativen Outlining zu sagen gäbe? Nein. Doch der Rest folgt später.

Wenn Sie jedoch an weiteren Anwendungsmöglichkeiten des Iterativen Outlinings interessiert sind, die das „Schreiben für die Tonne“ reduzieren und im Gegenzug Ihre Geschichten bereits im Rohentwurf auf den Stand des zweiten oder dritten Entwurfs heben — dann sollten Sie meinen Newsletter abonnieren, um sich weitere Artikel dieser Serie nicht entgehen zu lassen.

Ich freue mich über Ihre Erfahrungen mit dem Iterativen Outlining.

Sie haben eine Anmerkung oder eine Anregung zu diesem Artikel? Ich freue mich über Ihren .