Tag 1 im Challenge #Autorenwahnsinn 2017 von Mira Alexander, http://www.miraalexander.de . Ein Rückblick auf mein Schreibjahr 2016. Digitale Kreidezeichnung einer Frau, die sich auf einem Ordner abstützt.

#Autorenwahnsinn 2017: Tag 1 - Rückblick auf mein Schreibjahr 2016

Mira Alexander, 1. Januar 2017

Das Ende: Mein erster Roman

2016 beendete ich meinen ersten Roman, den ich Mitte 2015 als ein Test meiner Iterativen Outline-/Plot-Methode angefangen habe. Zuvor war ich mehrfach mit anderen Ideen und anderen Plot-Methoden kläglich gescheitert (mehr als 250.000 Wörter an Vorgeschichte, ohne ein Wort der eigentlichen Geschichte geschrieben zu haben und ein Ende war nicht in Sicht, ungelogen).

Nachdem ich also Mitte 2015 mal wieder vor den Scherben einer Romanidee gesessen hatte, pickte ich mir eine Nonsens-Idee auf, um damit meine Technik einmal von Anfang bis zu Ende durchzuexerzieren, ohne dabei eine meiner Lieblingsromanideen zu verbrennen. Das Plotten lief flott ab und als ich damit fertig war, fand ich es schade, das Thema, das immer mehr an Tiefe gewann, nun einfach so brach liegen zu lassen.

Probehalber arbeitete ich also die Szenen aus (ohne sie zu schreiben, nur die Details wie On-/Offstage Beteiligte, Ziele der Beteiligten, Konflikte, Outcome) und die Geschichte erwachte zum Leben. Als hätte jemand einen Filmprojektor direkt in mein Gehirn implantiert inklusive einer Dolby Surround Anlage, 3D und der direkten Sensortechnik zur Duftsynthese.

Meine eigene Virtual Reality im Gehirn mit anderen Worten.

Also blieb ich dabei, schrieb eine Szene nach der anderen, arbeitete sie aus und war Anfang 2016 fertig. Mein erster Roman. Fertig geschrieben. In einem Guss.

Ich ließ ihn wie empfohlen liegen, kam zurück, las ihn durch und erschrak: Was, wenn das alles viel zu trocken war? Wie war das mit Show, don't tell?

Also ging ich jede einzelne Szene durch und schmückte sie aus. Die Tränen flossen, die Knie knickten ein, das Herz zerbrach und schlug wieder bis zum Halse.

Ich hasste jedes einzelne Wort davon. Ich machte weiter.

Ich ließ den Text liegen, kam zurück, las ihn durch und erschrak: Was, wenn das alles zu schmalzig war? Zum Teufel mit dem Show, don't tell!

Wieder ging ich durch, löschte das meiste davon, was ich vorher hinzugefügt habe und schickte das Manuskript an meine Lektorin.

Und wartete. Wartete. Wartete.

Die Rückmeldung kam. Ehrlich und präzise. Das meiste davon wusste ich bereits selbst, hoffte jedoch, dass das niemand bemerken würde. Sie hat es bemerkt. Jedes einzelne Problem. Und noch eines mehr, das jedoch das kleinste von allen war, weil es ein rein sprachliches war (jeder von uns hat doch seine Lieblingswörter, oder?).

Es dauerte Tage, bis mir auffiel, dass die Rückmeldung auch ziemlich positiv war, denn einiges ist mir wohl doch gut gelungen, was ich von einem Erstling nicht erwartet hätte.

Was war das größte Problem? Der Rest vom Schmalz, den ich bei der ersten Überarbeitung hineingebracht, bei der zweiten Überarbeitung jedoch nicht wieder entfernt habe.

Und alles warum? Weil ich plötzlich Angst hatte, nicht bildhaft genug zu schreiben. Weil ich plötzlich jemand anderes sein wollte.Weil ich das Gefühl hatte, nicht gut genug zu sein. Und das, obwohl man mir sagte, ich würde bewegte Bilder in die Köpfe meiner Zuhörer pflanzen, wenn ich eine Geschichte erzählte.

Offenbar sagte man mir das nicht oft genug.

Weil ich der Angst nachgab, überarbeite ich meinen Roman nun zum dritten Mal. Und das Ende ist nicht in Sicht, denn es kommt und geht in Wellen. Ich erzwinge nichts.

Eine unendliche Kurzgeschichte

Ich weiß, Sie werden sich jetzt fragen, wie es kommt, dass man einen Roman fertig schreiben kann (es hat niemand was von überarbeitet gesagt), ohne jemals eine Kurzgeschichte geschrieben zu haben, doch es geht. Es geht sogar sehr gut, weil meine Ideen auf eine oder andere Weise sich immer um Beziehungen drehen (wie fantastisch die Idee selbst auch sein mag). Eine Beziehung impliziert mindestens zwei Parteien. Mindestens. Bei mir gerne auch mehr. Denn jede Beziehung zwischen zwei beliebigen Parteien beeinflusst auch die Beziehungen zwischen diesen zwei Parteien und anderen Parteien … und wieder anderen Parteien … und wieder …

Sie sehen, wohin das alles führt? Genau das ist der Grund, warum meine Kurzgeschichten in meinem Kopf immer irgendwann sehr groß werden.

So auch in meinem aktuellen Projekt. Es soll eine Kurzgeschichte werden. Als ich eines Tages aufwachte, war sie nicht mehr als eine einzige Szene, ein Monolog zwischen einer Frau und ihrem Hund (ertappt, schon wieder eine Beziehung), die dann zu einer Reise in die Vergangenheit wurde, zu einem anderen Hund, einem anderen Menschen, einem weiteren Hund, einem weiteren Menschen, dessen Sohn, dessen Mutter, deren Tochter, deren Freund, dessen Hund und dem Menschen, der die Frau nun geworden ist. Sehen Sie, was ich meine?

Und so arbeite ich hart daran, dass dieses Geschichte eine kurze Geschichte bleibt. Jedes Mal, wenn ich „Kurzgeschichte“ sage (oder auch nur denke), schreit mein inneres Ich „… aber da gibt es noch diesen Menschen …“ Dann bleibt mein erwachsenes Ich für einen Moment stehen, nimmt mein inneres Ich in den Arm und flüstert ihm ins Ohr „… aber das ist eine andere Kurzgeschichte …“ Dann wird mein inneres Ich ganz ruhig, atmet noch einmal durch, lächelt meinem Erwachsenen Ich scheu ins Gesicht und sagt „… weißt du was? Du hast Recht …“

Und dann machen wir drei uns wieder an die Arbeit.

Was mich das Jahr 2016 gelehrt hat

Diese Liste werde ich mir bei jedem weiteren Projekt vor Augen halten:

  • Vertraue auf Dein Gefühl. Schreibe nichts, was Du in einem Buch nicht lesen willst (es sei denn, Du bist gar nicht Deine eigene Zielgruppe)
  • Routine ist alles!
  • Bei einer Lektoratssitzung haben Emotionen nichts verloren. Bewahre klaren Kopf, denn Deine Lektorin will nur das Beste für Dein Buch (oder Du solltest Dir eine andere Lektorin suchen).
  • Mache Dir eine ausführliche Liste der Kritikpunkte.
  • … und noch wichtiger: Mache Dir eine ausführliche Liste der positiven Kritikpunkte. Wenn der erste Schock sich gelegt hat, wirst Du feststellen, dass die positiven Punkte die negativen bei weitem überwiegen.
  • Und (ganz wichtig): Danke Deiner Lektorin! Denn sie hat ihre wertvolle Zeit damit verbracht, sich durch all die Punkte durchzuquälen, die Dir von Anfang an bewusst waren, Du aber unter den Teppich kehren wolltest. Danke, liebe J.!
  • Bleib! Du! Selbst!

Damit ist der erste Tag des #Autorenwahnsinns 2017 um und ich wünsche Ihnen einen wunderschönen Tag (der zufälligerweise der erste Tag des Jahres 2017 ist). Sollte es mir gelingen, das Bild vom PC aus auf Instagram zu laden, dann werden Sie ab sofort diese Serie auch dort finden. Unabhängig davon finden Sie mich sowohl auf Pinterest als auch als @MiraAlexanderA auf Twitter .

Ihre Mira Alexander

P.S.: Und wieder einmal habe ich bewiesen: Ich kann alles … außer kurz.

P.P.S.: Und hier gibt es die Übersicht aller Artikel der Serie #Autorenwahnsinn 2017.

photo of Mira Alexander

Lebewesen Mensch Individuum Frau Autorin/Designerin/Informatikerin

Ich habe so viele Etiketten, dass sie in keine Schublade passen.

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